Wir sind zusammengekommen, um von Dieter Abschied zu nehmen.
Ehemann, Stief- und Ziehvater, Schwiegervater, Freund.
Dieter war ein Mann mit vielen Facetten und mindestens zwei Gesichtern.
Er konnte sehr gesellig sein, war großzügig und gastfreundlich.
Gern erinnere ich mich an die fidelen Spielrunden mit seinen Freunden und Nachbarn, die sich regelmäßig trafen und gemeinsam Karten spielten und „klammerten“.
Dieter war hilfsbereit, kochte gern, opulente Mahlzeiten, für sich und andere.
Dieter war ein Blumenfreund, gab gern Ratschläge und kannte keine Scheu, seine Meinung kundzutun, unabhängig davon, ob er gefragt wurde oder nicht.
Auf seiner Arbeitsstelle, dem BDB, dem Bundesverband der Betriebskrankenkassen, hatte er viele Kollegen und Freunde, die ihn für seine hilfsbereite, offenherzige und unverblümte Art schätzten.
Mit einigen Kollegen wiederum kam er gar nicht klar.
Und diese nicht mit ihm.
Denn Dieter war jemand, der polarisierte.
Weil er kein Blatt vor den Mund nahm, dabei sehr laut werden konnte und sich nichts sagen und verbieten ließ.
Vor knapp fünfzig Jahren lernte Dieter beim Bundesverband meine Mutter kennen.
Und damit auch mich.
Wir zogen zusammen und in den ersten Jahren der Beziehung verreisten Mama und Dieter viel, ich war oft dabei.
Dieter war in jungen Jahren überaus abenteuerlustig.
Wir reisten nach Spanien, Griechenland, sogar in den Senegal.
Auf die Safaris nach Kenia nahmen mich Mama und Dieter leider nicht mit.
Angeblich wegen der vielen Impfungen, die ich nicht vertragen würde.
Die Ferien verbrachte ich dann bei Dieters Eltern und seiner Großmutter, die mich in den Wochen, während Dieter und Mama in Afrika weilten, mit Schokolade mästeten.
Die drei liebte ich sehr und sie mich, und ich bin Dieter dankbar dafür, dass ich auf einmal nicht nur ihn, sondern auch eine weitere Oma, einen Opa und eine Uroma hatte.
Wir waren eine Familie.
Dieter hatte ständig Ideen, schmiedete an Plänen und großen Vorhaben.
Sein allergrößter Wunsch führte ihn nach Dorsten.
Es war der Traum vom eigenen Haus.
Ohne Nachbarn über und unter ihm.
Ohne Nachbarn, die an der Wand horchten oder klopften.
Das war auch gut so.
Denn Dieter hörte gern Musik und wollte sie oft bis zum Anschlag aufdrehen.
Nachmittags, abends, manchmal auch nachts.
Buddy Holly und Elvis Presley. Rock und Country.
Stefan Waggershausen, Roger Whittaker, Peter Maffay, Jürgen von der Lippe.
Irgendwann auch Mal die Wildecker Herzbuben und Herzilein.
Sein Musikgeschmack war so flirrend wie er selbst.
Ihr Haus fanden Mama und Dieter in der Gelsenkirchener Straße in Sichtweite des Bahnhofs.
Die Voraussetzungen zum Immobilienkauf waren nicht ideal, die Finanzierung wackelig, dennoch wagten die zwei den Schritt und erwarben das Haus.
Die ersten Jahre, die wir in Dorsten verbrachten, waren durchaus entbehrungsreich.
Das Haus war alt, die Hypothekenzinsen hoch und immer wieder taten sich neue Baustellen auf.
Die Heizung, der Keller, das Dach.
Das Geld wurde knapp, die Urlaube kürzer, seltener oder fielen ganz aus.
Stattdessen wurde in den Ferien malocht.
Im September 1992, nach mehr als 15 Jahren Verlobung, heirateten Dieter und Mama.
Ich kellnerte auf ihrer Hochzeit.
Vier Monate zuvor hatte ich mein Abitur gemacht und zog ein paar Monate später aus, um in Bochum zu studieren.
In mein altes Zimmer zog Dieters Mutter, meine Oma, und lebte dort dreizehn Jahre lang bis zu ihrem Tod.
Im November 2005, also vor 21 Jahren, haben wir sie hier auf dem Waldfriedhof ebenfalls anonym bestattet.
Zu dieser Zeit waren Dieter und Mama finanziell schon längst aus dem Gröbsten raus.
Gemeinsam unternahmen sie viele Reisen, nach Italien und vor allen Dingen in die Türkei.
Dieter liebte es, über die Basare zu schlendern und mit den Händlern zu feilschen.
Gern scherzte er mit den Kellnern und zeigte sich dabei äußerst spendabel.
Seine Großzügigkeit war auch in meinem Freundeskreis legendär.
Einer Freundin von mir schenkte er zum Beispiel eine halbe Stunde, nachdem er sie kennengelernt hatte, sein Auto, das vor dem Wohnzimmerfenster parkte.
Zum Glück hat meine Freundin das Geschenk nicht angenommen, da der Wagen einige Mängel hatte und niemals die bald anstehende TÜV-Prüfung überstanden hätte.
Gleichzeitig konnte Dieter aber auch furchtbar geizig sein und sich um Pfennige oder Cents streiten und sogar zerstreiten.
Dann zeigte er sein anderes Gesicht.
In vielerlei Hinsicht war er tatsächlich unberechenbar.
Dieter scheute keine Herausforderungen und keine Anstrengungen und mutete sich und anderen viel zu.
Oft zu viel.
Schon früh hatte Dieter Probleme mit dem Herzen, dem Rücken und den Bandscheiben.
Häufig hatte er einen Krankenschein oder machte blau, vor allen Dingen montags.
Zur Arbeit ging er, soweit ich weiß, nie gern. Weil sie ihm keinen Spaß machte und nicht befriedigte.
Viel lieber wollte er zuhause sein, in seinem Haus und Garten, wo er der Chef war und der Zeremonienmeister.
Er liebte es, mit Freunden zusammensitzen und zu werkeln, Bier zu trinken und währenddessen einen Schacht zum Keller auszuheben oder den Boden im Gartenhäuschen zu fliesen.
Als Mama und Dieter mit 59 Jahren in Altersteilzeit gingen, begann für sie ein neues schönes Leben.
Das Haus war fertiggestellt und so gut wie abbezahlt.
Die beiden hatten Zeit, genügend Geld und fuhren mehrmals im Jahr in den Urlaub.
Immer in den warmen Süden.
Sonne tanken, am Strand liegen, schwimmen.
Gut essen, gut trinken und sich bedienen lassen.
Sie genossen das Leben und die Freiheit, nicht mehr arbeiten gehen zu müssen, in vollen Zügen.
Leider hielt das Glück nur sieben Jahre.
Dann, vor 8 Jahren, brach bei Dieter eine Nervenkrankheit aus, die immense Schmerzen verursachte und sich nicht mehr heilen, nur lindern ließ.
Die Diagnose war für uns alle niederschmetternd.
Dieter hätte sein Leben ändern müssen.
Das aber konnte und wollte er nicht.
Das wusste er – und Mama und ich wussten es auch, denn dafür kannten wir ihn zu gut.
Dieter schlug sämtliche ärztlichen Ratschläge in den Wind.
Von den zahllosen Medikamenten, die er verschrieben bekam, nahm er nur einen Bruchteil.
Aber nicht die schmerzstillenden Mittel.
Gerade die nicht.
In dieser Hinsicht war er stur, dickköpfig und unverbesserlich.
Die Krankheit verschattete sein Leben. Und sein Gemüt.
Und sie schränkte ihn körperlich immer mehr ein.
Von Monat zu Monat und von Jahr zu Jahr wurde es schlimmer.
An Urlaube, wie sie Mama und Dieter bis dahin gemacht haben, war nicht mehr zu denken.
Auf neue Arten und Formen wollte er sich nicht mehr einlassen.
Dieter liebte das Autofahren.
Um zur Arbeit zu gelangen, pendelte er jahrzehntelang mit dem Auto zwischen Dorsten und Essen.
Dass er wegen der Krankheit nicht mehr Autofahren konnte, traf ihn in meinen Augen noch härter als der Verzicht auf die gewohnten Urlaubsreisen.
Denn er liebte es in die Supermärkte, Baumärkte und Gartencenter zu fahren.
Darin herumzustromern.
Sich inspirieren zu lassen.
Und neue, teils praktische, teils unsinnige Dinge zu kaufen.
Dieter war ein Mann mit vielen Facetten und mindestens zwei Gesichtern.
In den letzten Jahren zeigte er vor allen Dingen das Gesicht, das von Schmerzen, Verbitterung und Freudlosigkeit gezeichnet war.
Er war auf die Hilfe von uns und anderen angewiesen.
Das Haus in Dorsten war ungeeignet für ihn, aber das wollte er nicht wahrhaben.
Mit guten Ratschlägen stieß man bei ihm auf taube Ohren.
Vor fünf Jahren erzählte mir Dieter am Telefon, dass er ein Buch schreiben wolle.
Es sollte „Es war einmal in Katernberg« heißen.
Dieter hatte sich auch schon ein Diktiergerät gekauft, dass er allerdings wegen seiner Krankheit nicht mehr bedienen konnte.
Auch deshalb blieb das Buch leider unvollendet.
Dass das Buch seines eigenen Lebens, das in Katernberg begonnen hatte, kein Happy End haben würde, wusste er.
Aber welches Leben hat schon ein Happy End?
Dieter war ein Mann,
der seinen Weg ging
und die Sachen durchzog,
trotz aller Hindernisse und Rückschläge.
Das ist etwas, das ich durch ihn und sein Beispiel gelernt habe, und auch dafür bin ich dankbar.
Sein Leben ging genauso zu Ende, wie er es sich gewünscht hatte.
Dafür hat er viele Qualen auf sich genommen.
Bis zum Schluss hatte Dieter darauf beharrt, in Mamas und seinem Haus wohnen zu bleiben und mit den Füßen zuerst hinausgetragen zu werden.
Dass Mama bis zuletzt an seiner Seite war, sich liebevoll um ihn kümmerte und seine Hand hielt, als er aus dem Leben schied, hat für mich etwas Tröstliches und Erleichterndes.
In Gedenken an Dieter werden wir gleich »Ticket to heaven« hören, das Lied, das er so mochte und dass das Hochzeitslied meiner Eltern war.
Anschließend nehmen wir Abschied von ihm.
So wie er es sich gewünscht hat.
Auf diesem Friedhof.
In der Nähe seiner Mutter.
Hier in Dorsten.
Möge Dieters Asche in Frieden ruhen.























